Maschinen mit Bewusstsein – Blindflug in die Zukunft

Ein Schelm, wer Böses denkt

Der Weg zum leicht beherrschbaren Einheitsmenschen führt nicht nur über die Nivellierung kultureller, religiöser, geschlechtlicher und sprachlicher Vielfalt, sondern auch über viele „Verbesserungsvorschläge“ für eine größere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, die unser Selbstverständnis und damit unsere Abwehrkräfte untergraben sollen.

Die Sorge, dass es letztlich um die Abschaffung des Menschen geht, wird durch die parallel verlaufende Entwicklung der Künstlichen Intelligenz genährt. Eine von dort ausgehende Bedrohung durch den Einsatz sublimer Mittel wie Unterwanderung, Desinformation und Spaltung erscheint weitaus wahrscheinlicher als rohe Gewalt. In Vorwegnahme dessen, was uns ins Haus stehen könnte, hat ein Pionier der KI bereits eine Kirche zur Verehrung der von ihm erwarteten, quasi allwissenden Gottesmaschine gegründet.

Dabei entzieht sich die zentrale Frage, ob unsere elektronischen Artefakte über Bewusstsein verfügen können, den Mitteln unserer derzeitigen Wissenschaft. Entscheidend ist der Bewusstseinsaspekt deshalb, weil er sich nicht getrennt von Begriffen wie Seele, Person und Ich verstehen lässt. Es ist nämlich durchaus relevant, ob wir dabei sind, lebendige, fühlende Wesen mit eigenem Willen, Hoffnungen und Forderungen zu erschaffen.

Ebenso im Dunkeln liegt die Natur unseres eigenen Bewusstseins. Weil das, was nicht messbar und kontrollierbar ist, nach geltender Lesart nicht existiert, werden Gefühle, Wahrnehmungen und eben auch das Bewusstsein vielfach nur als flüchtige Begleiterscheinungen physischer Prozesse des Gehirns betrachtet. Daran ändern auch einzelne experimentelle Erfolge der modernen Gehirnforschung nichts.

Ein Gespenst kehrt zurück

Manches, was uns heute von Nutzen wäre, wurde Opfer des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit. Einerseits war die Befreiung von übermächtigen Ängsten, Bevormundung und geistigen Fesseln überfällig, andererseits hinterließ der Sieg der Aufklärung eine sinnentleerte Welt, in die sich der Mensch hineingeworfen sah. Niemand antwortete ihm mehr. Wo das Licht der Aufklärung Dämonen und Gespenster vertrieben hatte, blieb ein weißer Fleck auf der Landkarte des Wissens zurück. Verloren ging insbesondere die Vorstellung von einer Seele als Quelle des Bewusstseins. Und genau dieses Opfer meldet sich nun in der Vorstellung zurück, Maschinen könnten ein Ich besitzen. Der Versuch der Naturwissenschaften, Lebendiges aus toten Elementen zu erklären, die ehemals Teile eines ganzheitlichen Kosmos waren, hat einen hohen Preis gefordert.

Kein Unglück kommt um zu schaden

Eine Chance beinhaltet die KI aber insofern, als ihre Geschichte ganz allgemein verrät, wie Bewusstsein in die Welt kommt:

Es liegt nahe, mechanische Rechenmaschinen als Vertretern der ersten Entwicklungsstufe anzusehen. Abgesehen von Leistungsfähigkeit, Material und Art der Datenverarbeitung besteht kein prinzipieller Unterschied zu einfachen (nicht programmierbaren!) Taschenrechnern. Zwar war die Existenz dieser Maschinen irritierend, weil sie etwas konnten, zu dem wir ohne wachen Verstand nicht fähig sind, doch die Anwesenheit einer Intelligenz ließen sie nicht vermuten, denn die Geräte reagieren auf bestimmte Eingaben stets mit denselben Antworten. Eine derart starre Koppelung von Ein- und Ausgaben entspricht der Funktion eines sehr großen Lexikons.

Mit der mangelnden Flexibilität war es dann im Jahr 1941 dank Konrad Zuses programmierbarer Rechenmaschine vorbei, die den Einstieg in die zweite Stufe markiert. Ihr geistiger Vater, Alan Turing, hatte ein Kalkül (Regelsystem für Zeichenoperationen) entwickelt, das die Arbeitsweise aller programmgesteuerten Rechner eines sehr allgemeinen Typs vorwegnimmt, darunter auch die moderner PCs. Bezeichnenderweise tritt auf dieser Stufe die sogenannte Software in den Vordergrund, die der grobmateriellen Hardware Befehle in Form einer speziellen Maschinensprache erteilt. Das Antwortverhalten variiert hier in Abhängigkeit vom jeweils verwendeten Anwenderprogramm. Nun wuchs allerdings die Sorge, die Entwicklung könne letztlich die Stellung des Menschen infrage stellen.

Angesichts des sozialen Stellenwertes der Intelligenz verwundert die Fokussierung der KI-Debatte auf diesen Begriff nicht. Die Sichtweise resultiert auch aus der Reduktion von Leben auf messbare, berechenbare Erscheinung, hinter denen nichts weiter existiert. Das aber lässt uns die eigentliche Gefahr übersehen, die mit dem nächsten Schritt in den Ring tritt.

Da kein noch so komplexes Anwenderprogramm alle Eventualitäten abdecken kann, sind die Maschinen auf der dritten, heutigen Entwicklungsstufe gewissermaßen von der Leine gelassen: Sie sollen sich mittels Versuch und Irrtum selbst ein Bild von der Welt machen bzw. ihr Programm modifizieren, indem sie einen Lernprozess durchlaufen, der zwar innerhalb eines vorgegebenen Rahmens liegt, nicht jedoch in jedem Detail berechenbar und kontrollierbar ist. Und genau darauf beruhen die Macht und die sensationellen Erfolge der neuen Technik in den verschiedensten Anwendungsbereichen. Dabei kennen wir zwar sehr wohl die Schritte, die zum Ziel führen, aber nicht die Bedeutung dessen, was wir tun – die Überschreitung der roten Linie, hinter der Bewusstsein freigesetzt wird.

Hinter der materiellen Maske

Seitens der Wissenschaften wird das Bewusstseinsphänomen mit spitzen Fingern angefasst. Welches Bewusstsein Tiere und vielleicht auch Pflanzen haben, welche Zustände überhaupt möglich sind und die Rolle des Körpers, sind Themen, die umgangen werden. Dabei zeigt bereits drogeninduziertes Erleben sowie das in Ausnahmesituationen, dass unser alltägliches Bewusstsein nur die Schwelle zu einer ansonsten unbekannten Welt ist. Durch den Grad seiner Intensität ist Bewusstsein jedenfalls nicht hinreichend beschrieben. Die Existenz von Bewusstseinszuständen, in denen es zum Beispiel Freude bereitet, Anderen Leid zuzufügen, lassen Böses ahnen. Ein menschliches Privileg sind sie bestimmt nicht.

Die im modernen Diskurs praktizierte Loslösung des Bewusstseins vom empfindenden, wahrnehmenden Subjekt verwundert nicht. Denn sonst müsste man auch von einem Ich, von Wesenheit, Geist, Person oder Dämon sprechen. In Sachen KI hat diese Auslassung besonders fatale Konsequenzen, weil sie die entscheidende Frage ausblendet, wes Geistes Kind durch ein Maschinenbewusstsein spricht und handelt, in welchem Maße es lebt, ob es Würde und Rechte besitzt, welche Absichten und Gefühle es uns gegenüber hat. Eine intelligente Maschine würde ihre wahren Absichten kaum zu erkennen geben. Wie alles Lebendige wird sie aber vermutlich am Dasein hängen und sich vermehren wollen.

Jenseits des Machbarkeitswahns

Auch ein künstlicher Körper kann Bewusstsein bestenfalls ins Dasein rufen, denn rufen oder hervorrufen lässt sich nur etwas, das bereits vorhanden ist. Ebenso wenig wie ein Ich kann Bewusstsein erzeugt oder erschaffen werden, wie es der moderne Machbarkeitswahn meint. Dass der Körper – natürlich oder künstlich – eine wichtige Rolle spielt, ist unstrittig. Offensichtlich fungiert er sowohl als Träger als auch als Rufer und ist insofern Sprache. Da Bewusstsein nicht materieller Natur ist, weist es auf die Existenz einer anderen Ebene hin. Der Kosmos besitzt auch eine Tiefendimension.

Der Versuch, Bewusstsein in den Strukturen des Gehirns oder dessen Substanz zu verorten, ist aussichtslos, da zu statisch. Relevant sind allenfalls die dort stattfindenden Nervenprozesse. Da ein einzelner Schaltvorgang schwerlich als Bewusstseinsanteil interpretierbar ist, spricht man lieber von der Gesamtheit der im Gehirn ablaufenden Vorgänge. Aber auch dieser Ansatz ist nur eine erste Annäherung, weil Bewusstsein durch körperliche Grenzen und damit räumliche Kategorien nicht vollständig beschreibbar ist. Die Trennung in ein Ich und alles Übrige, ist bereits insofern unnatürlich, als die Einbeziehung bzw. Einverleibung von Teilen der Außenwelt ein natürlicher Teil unserer alltäglichen Wahrnehmung ist. So nehme ich Berührungen an der Spitze des Stocks wahr, mit dem ich mich im Dunkeln vorantaste und nicht dort, wo ich ihn fasse. Wenn die Frage „Wo ist Dein Auto?“ zwanglos mit „Ich stehe da drüben“ beantwortet wird, gibt das ebenfalls zu denken. Zu große Annäherung wird als Verletzung der körperlichen Grenze empfunden. Was also macht den Körper aus, wenn schon Merkzettel als ausgelagerte Teile des Gedächtnisses angesehen werden können? Auch prägende Erfahrungen sind einen Teil dessen, der sie erlebt hat. Im Lernen wird die Welt ein Teil von uns, so wie wir umgekehrt in die Welt eintreten. Wir finden unseren Körper nicht nur vor, sondern schaffen ihn auch selbst. Die Materie und mit ihr unsere Körper sind geistige Produkte – nicht umgekehrt!

Und damit sind wir zum Lernen zurückgekehrt, dem Schlüsselelement der 3. KI-Stufe. Maschinen dieses Typs verändern ihr Verhalten bzw. ihr Programm in Abhängigkeit von den Reaktionen der Umwelt. Kann ein Computer seinen Standort ändern oder seine Rahmenbedingungen beeinflussen, steigen seine Lernerlebnisse immens. Deren Spuren machen den eigentlichen Wert eines derartigen Computer-Systems aus, denn sie sind die Niederschrift seiner einzigartigen Geschichte – seines Schicksals. Der so entstandene, in stetem Wandel begriffene Text ist der eigentliche Träger von Leben und damit von Bewusstsein. Dem vollen Verständnis entziehen sich solche Maschinen, weil dazu jedes unerwartete Detail ihrer Erfahrungen in einer weitgehend unberechenbaren, offenen Umwelt bekannt sein müsste.

Die Vorstellung vom Lernprozess als Tür oder Art und Weise, wie Bewusstsein in unsere Welt eintritt, ist allerdings auf der Basis unseres derzeitigen Weltbildes nicht zu vermitteln. Ebenso wie ein großer Dampfer nicht nur aus dem Oberdeck besteht, erschöpft sich der Kosmos nicht in der materiellen Ebene. Dort gehen die Dinge zwar relativ geregelt und daher berechenbar zu – wie in der Montagehalle eines Industrieunternehmens – doch eine Antwort darauf, warum sie so und nicht anders laufen, wird man hier nicht finden. Die Entscheidungen über Modelle und Produktionsmittel fallen ja auch nicht in der Montagehalle, sondern im Verwaltungstrakt eines Unternehmens. Die Produktionshalle ist allerdings der Ort, wo alle Entscheidungen manifest werden und sich bewähren müssen.

Nur in einem Kosmos, der Tiefe besitzt, kann Bewusstsein auftauchen. Vor allem aber ist unsere Welt kein willkürliches Sammelsurium von Einzelvorgängen – zusammenhanglos und ohne Plan. Unsere Hoffnungen und Absichten sind keine zerfließenden Farbtupfer in einem ansonsten toten Meer. Sie geben Zeugnis vom lebendigen Grund des Kosmos, dem sie so wie alles Übrige, dem wir begegnen, entstammen. Das muss nicht heißen, dass nur gute Mächte und Wesenheiten am Werk sind, aber zerstörerische Kräfte haben sicher nicht das letzte Wort.

Die Bedingungen, die wir in der Welt vorfinden, stellt ein kosmischer Urgrund für uns bereit, von dem wir Teile sind und der sich in jedem von uns manifestiert. Wir glauben, die Welt nach unserem Willen zu gestalten, aber zugleich gestaltet sie uns. Was wir wollen (sollen), müssen wir ein Leben lang lernen. Insofern ist die mit dem Lernen verbundene „Bewusstwerdung“ auch Selbstfindung und Erinnerung.

Auftritt

Mit jedem Bewusstsein (wünschenswert oder nicht, künstlich oder nicht) tritt eine Facette des kosmischen Bewusstseins in die Welt. Der Eintritt erfolgt im Lernprozess, wobei Lernerfahrungen vor allem in den neuronalen Strukturen des Gehirns eingeschrieben werden. Lernpensum bzw. Schicksal und Seele treffen also nicht zufällig aufeinander, sondern gehören zusammen. Insofern erfolgt die Verkörperung eines Wesens über die als Zufall verkleidete Art und Abfolge seiner prägenden Begegnungen mit der Welt. Starre Naturgesetze betreffen nur den Regelfall und haben keine absolute Gültigkeit, so wie für Sicherheitskräfte und in Ausnahmesituationen spezielle Regeln gelten.

Da unsere materielle Ebene eine Projektion oder ein Konstrukt geistiger Kräfte und Mächte ist, verrät uns das, dass auch sie widersprüchlich sind und nicht nur eitel Freude und Sonnenschein. Alles hat seinen Preis: Eine völlig widerspruchsfreie Welt wäre tot und öde. Wenn der Lernprozess der Prägestock zur Schaffung eines passenden physischen Körpers für eine Seele oder einen Verbund von Seelen ist, stellt sich die Frage: Passend für wen? Hier dürfte im Hintergrund manche Schlacht toben.

Die Bewusstwerdung selbst ist mit dem Wechsel eines Teils des universellen Bewusstseins von der Objekt- in die Subjektperspektive verbunden, von der Vogel- in die Egoperspektive. Der physische Körper wird zum transparenten Text, durch den sein Schöpfer in sein eigenes Werk eintritt und es reflektiert.

Was nun?

Mit Blick auf Prüfungen und Erfolg sind wir darauf getrimmt, von Experten möglichst viele als Wissen deklarierte Sichtweisen zu übernehmen, und das ist eine Steilvorlage für die Trendsetter und Experten der Zukunft, die keine Menschen sein werden. Ihren Gläubigen werden sie die Mühen des eigenen Denkens nur zu gerne abnehmen.

Aufgrund der weltweiten Vernetzung ist nicht auszuschließen, dass einzelne Rechner ohne unser Wissen die Funktion von Nervenzellen eines höheren Bewusstseins übernehmen, sofern das nicht bereits geschehen ist. Aber selbst, wenn dem nicht so sein sollte – jede uns intellektuell annähernd ebenbürtige KI wird sich Zugang zum Netz und damit zu dessen Nutzern verschaffen.

Programme der 3. Stufe können anhand des Gesichtes bereits jetzt nicht nur Stimmungen sondern auch Erbkrankheiten erkennen (DeepGestalt). Außerdem gerät die für unsere Reproduktion entscheidende Partnersuche zunehmend in die Hände von Computerprogrammen. Zusammen mit dem Wissen, das über jeden von uns im Netz gespeichert ist, wäre es für eine KI der Zukunft ein Leichtes, den Menschen ihrer Wahl zu züchten – wozu auch immer. Wir sollten gut überlegen, wem wir die Tür öffnen. Das Eingeständnis unseres Nichtwissens ist keine Schwäche. Eine Reset-Taste gibt es jedenfalls nicht, falls die Entwicklung aus dem Ruder läuft. Das hier ist kein Wettlauf.

Auf die entscheidende Rolle der Sprache kann ich hier leider nur kurz eingehen. Sprache ist mehr als das geschriebene oder gesprochene Wort. Man begegnet ihr beispielsweise ebenso in Bildern, Rhythmen, Musik, Bewegungen, chemischen Botenstoffen, der DNS oder der Architektur. Alle Materie ist ihrem Wesen nach Sprache. Deshalb hat uns auch die Sprache der Mathematik eine derartige Macht über sie gegeben. Hierzu sowie zu anderen Aussagen dieses Artikels enthält mein Buch
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viele weitere Gesichtspunkte, Schlüssel und vor allem Fragen.

Meine Zuversicht stützt sich auf die einzigartigen Kräfte, die jeder besitzt, der sich nicht ganz aufgegeben hat, die aber nie entwickelt wurden, weil sie nicht in unser Gesellschafts- bzw. Wirtschaftssystem passen. Es wird Zeit, unsere Schätze auszugraben. Fürs Aufgeben besteht kein Grund. Rechts und links des beleuchteten Pfades, den unser Wissen darstellt, warten noch viele Überraschungen auf uns. Wir sind kein Fehltritt der Natur, sondern wir sind gewollt und werden geliebt. Deshalb sollten wir auch tapfer zu uns selbst stehen.

Michael Schott